Ach ja, da war ja noch was: der Amoklauf letzte Woche. Was für ein TV-Spektakel, das war pures emotionales Futter für die Zahnräder der Medienmaschine. Man hätte mal zählen müssen, wie oft das Wort „entsetzlich“ in der Berichterstattung gefallen ist. Das mag makaber klingen, aber solche Ereignisse sind auf Grund ihrer emotionalen Begleiterscheinungen der Quotenhit für jede Nachrichtenredaktion. 
Und irgendwie ertappt man sich selbst dabei, dass man sich an solchen Nachrichten gar nicht satt sehen kann. Jede noch so nebensächliche Meldung zu dem Vorfall haben wir doch gierig aufgesaugt. Warum eigentlich? Weil es in der Schule nebenan auch hätte passieren können? Weil theoretisch jeder psychisch labile Jugendliche ein Meisterschütze sein könnte? Wenn das unsere Angst ist, dann frage ich mich, wo diese Gesellschaft angekommen ist.
Und natürlich ging nach dieser Tat sofort wieder die Ursachenforschung los und man griff zur beliebten Täterschablone: Egoshooter zockender, sozial verarmter Sportmuffel. Ach ja, und Gewalt-Rap könnte er ja auch gehört haben.
Ich verstehe da nie, warum diese Sachen immer als offensichtlicher Grund heran gezogen werden. Die Politiker waren im eilig einberufenen „Themenabend Amoklauf“ schnell dabei, Verbote zu fordern. Klar, stärkere Waffenkontrolle macht irgendwie Sinn. Ist auch erstaunlich, was so eine gehobene Mittelstandsfamilie alles für Ballermänner zu Hause rumliegen hat. War ja bei Steinhäusers ähnlich. Die Frage, die ich mir in dem Zusammenhang gestellt habe war folgende: Was wäre gewesen, wenn der Junge mit einem Brotmesser durchgedreht wäre? Fordert man dann von Seiten der Politik eine Umrüstung der Küche zur Sicherheitszone? Ein Besteckkasten mit Zahlenschloss, interessante Vorstellung.
Das zeigt, wie unsinnig Verbote in dem Fall sind. Einem zufriedenen Menschen kann man eine Atombombe in die Hand drücken. Er wird sie mit Blumen dekorieren und zurück ins Gras legen.
Die Frage, ob sich Kids von Gewaltdarstellungen, sei es in PC-Spielen oder durch Musik, motivieren lassen, ist genauso nutzlos, weil sie einen Gedankenschritt auslässt.
Und damit komme ich zum eigentlichen Punkt, warum ich das hier schreibe.
Ich hab mir also die Berichterstattung zu dem Vorfall angesehen und immer wieder wurde erwähnt, dass der Kerl, wie auch bei dem Typen in Erfurt und sämtlichen Amokschützen in den Staaten, ein vereinsamter Zeitgenosse war. Er hatte kaum Freunde, war in sich gekehrt und lebte sehr zurück gezogen. Punktum jemand, der in dieser Gesellschaft keinen Platz für sich gesehen hat.
Und dann hab ich umgeschaltet und wurde Zeuge von so herrlichen TV-Sendungen wie „Das Model und der Freak“ oder „Germany´s next Topmodel“ und musste auch gleich daran denken, wie vorzüglich die Leute beim DSDS-Casting vorgeführt wurden (außerdem fiel mir auf, dass ich viel zu viel Fernsehen schau).
Fakt ist doch, dass die Medienwelt ein dermaßen überspitztes Zerrbild darstellt, wer in dieser Gesellschaft Top ist und wer nicht zum hippen Kreis zählt. Und dass sie Extreme kreiert, wo du entweder das gutaussehende erfolgreiche Exemplar bist oder der verachtenswerte minderwertige Freak. Etwas dazwischen gibt es da nicht. Entweder Monaco oder Marzahn. Und unsere Gesellschaft frisst diese Bilder, verarbeitet sie und nimmt sie sich an.
Ich weiß zwar nicht, ob dass die Wahrnehmung des Täters war, wenn man sich aber die Zahl der weiblichen Opfer vor Augen hält, könnte man daraus eine Rache an ihrer Ablehnung ablesen. Weil er wohl nicht aussah wie der Beau aus der Clerasilwerbung und das auch wusste.
Darauf hätte man, meiner Meinung nach, auch etwas ausführlicher in der Ursachenforschung eingehen können: die Medienverantwortung. Und eins ist ja auch klar: Mit so einer Scheißtat ist er über Nacht Fame geworden. In Erfurt war das ja auch der Fall. In keiner Chronik über Deutschland im 21.Jahrhundert wird der Name Robert Steinhäuser fehlen. Und das wissen auch die Täter solcher Amokläufe. Das ist die kranke Ironie der Medien. Der Freak wird zum Celebrity. Wenn man so will, hat er sich das Mediensystem zu Nutze gemacht, um einmal etwas zu sein, und sei es durch diesen Wahnsinn. Denkt mal darüber nach und schaltet am besten die Glotze ab.